Zunächst einmal muß sich der Betrachter von analogen (Buchhandlung) oder digitalen (amazon.de) Bücherregalen erst einmal die Frage stellen, wie es denn bei so einer nicht einfach zu lösenden Frage dazu kommen kann, daß eine schiere Unmenge von mehr oder minder interessanten und/oder wichtigen Menschen mindestens eine, wenn nicht gar mehrere (manch eine/r fängt schon mit mitte 20 an) Biographien schreibt bzw. schreiben läßt. Gibt es einen als “üblich” zu beschreibenden Weg, oder wird das geltende Recht nicht so oft be- bzw. genutzt, wie man es sich vielleicht ausmalt?
Jedenfalls ergibt die Analyse der Wahrnehmung durch die Medien, daß es recht selten zu sein scheint, daß im nachhinein Biographien abgeändert werden müssen. Dies legt letztlich nur zwei Alternativen nahe: Entweder, es interessiert kaum jemandem (z.B. weil es keine prekären Inhalte sind), oder aber die Verlage klopfen die Bücher vorher so weich wie ein Koch sein Schnitzel, d.h. alle Personen werden bezogen auf den sie erwähnenden Abschnitt des Buches befragt. Da bei Verlagen ein Gewinn-Interesse zu unterstellen ist, wäre letzteres die sicherere Variante, um keine finanzielle Bauchlandung zu machen.
Die in der Verfassung und damit in den Grundgesetzen festgeschriebenen Rechte und Pflichten sind hohe Güter, jedoch verursachen sie, ohne Frage, durchaus mal Probleme, wie man sie hier sieht. Auf jeden Fall denke ich, ist es der falsche Ansatz, da etwas gegeneinander aufwiegen zu können. Aus meiner Sicht ist die Freiheit der Kunst letztlich nur eine speziell ausformulierte Version des Persönlichkeitsrechts, genauso wie die Religionsfreiheit u.v.m.
Und da es um das selbe Recht geht, ist ein Vergleich, ein Aufwiegen, für mich unmöglich, da jeder Mensch die selben Recht hat. Auch wenn es natürlich so ist, daß ein in unserem Staat praktiziertes Aufwiegen erst dadurch möglich ist, daß ein jede/r theoretisch die gleichen Recht hat.
Dies führt mich zu dem Punkt, der in der Diskussion um die Freiheit der Kunst sehr schnell angeführt wird:
Man habe als Künstler nicht nur die Freiheit, alles zu tun, sondern eben auch die Freiheit, nicht zu weit zu gehen in seiner künstlerischen Tätigkeit. Dieses Thema taucht immer wieder - mal mehr und mal weniger dramatisch - in der medialen Öffentlichkeit auf: Mal in Form der Proteste von Muslimen gegen dänische Mohammed-Karikaturen, oder aber in der Diskussion um die “Körperwelten” von Gunther von Hagens.
Meist gipfelt der Streit um die Kunst dann in der Frage “…was eigentlich noch Kunst sei?”, so als wen die verneinende Antwort auf die Frage alle Probleme lösen würde.
Erst einmal könnte man z.B. mit Tucholsky dagegenhalten, der sagt: “Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten. […] Was darf die Satire? Alles.”
Natürlich müßte man diese Erkenntnis, diese Idee auf Kunst generell übertragen, was sicherlich nicht immer leicht fallen wird, aber ich denke, einen Versuch ist es sicherlich wert.
Eine weitere Frage ist dann logischerweise, wer denn eigentlich - gesetz dem Fall, da es sein muß - entscheiden soll, was im konkreten Fall schwerer wiegt. Unversehrtheit des einzelnen, oder aber die Entfaltungsfreiheit in der Kunst? Benötigt wäre eine Objektivität, jedoch, und damit wäre der Bogen zu schlagen zur ursprünglichen Frage (”Kann man überhaupt unbeeinflußt schreiben?”), gibt es diese überhaupt? Wie sind der Person, den Personen in ihrem vorigen Leben Kunst und möglicherweise Versehrtheit von Personen begegnet? Wie wurden sie dadurch geprägt? Zu welchem Ergebnis führt das, und ist dieses noch “objektiv zu nennen?
Wenn man die Sache mit dem “sich wiedererkennen” mal von einer anderen Seite betrachtet, kommt man vielleicht zu ganz interessanten Schlüssen:
Warum erkennt man sich eigentlich in einem Buch, in einer bestimmten Person wieder? Oder in einem Film, in Aussagen eines Liedtextes, eines Gedichtes? Liegt es vielleicht einfach nur in der Natur unserer Wahrnehmung, daß wir immer automatisch versuchen uns beim Lesen/Anschauen/Anhören die uns vorphantasierte Situation zu verstehen? Und ermöglichst uns möglicherweise nur eine Identifikation z.B. mit der Figur in einem Roman ein richtiges “eintauchen”, ein sich faszinieren lassen von der Geschichte?
Diese Frage im Hinterkopf behaltend errinere man sich doch mal an ein bestimmt mal belauschtes Gespräch, an das Hören einer Radio- oder das Ansehen einer Fernsehsendung, in dem es um “Authentizität” ging. Meist wird dieser Begriff in der breiten Masse oder in den Medien nur noch verwendet, wenn es darum geht, eine Person - des mehr oder weniger öffentlichen Lebens - positiv zu beurteilen. Oft auch mit dem Synonym “echt”… anders gesagt: Nachvollziehbar oder leicht hineinzuversetzen. Es scheint mir so, als wäre es für so gut wie alle dringend nötig, sich zu identifizieren, um zu begreifen, verstehen oder wie auch immer. Angenommen, dem wäre immer so, wäre es dann noch schlimm, wenn man reale Personen als Vorlage benutzt?
Apropos Vorlage? Was ist es denn, was den geneigten Autoren dazu treibt, bewußt Personen nach der Vorlage durch eine oder mehrere Personen zu schaffen? Rache? Oder einfach ein wenig Amüsement bem Schreiben, während man sich vorstellt, wie der Leser darüber nachdenkt, was für eine Person das nur ist, die dort dargestellt wird? Solch eine Vermutung kann ich im ersten Moment nachvollziehen, aber letztlich kann ich mir nur schwer vorstellen, daß das tatsächlich langfristig eine Motivation darstellen kann.
Für eine Kreativperson wie einen Schriftsteller sollte das Erfinden und Erschaffen völlig neuer und in sich konsistenter Figuren schlußendlich doch interessanter sein, oder?
Nun mag ein Schreiberling dazu übergehen, mehr oder weniger biographische Werke zu schreiben, um dann zum Beispiel auf Lesung ganz verschmitzt zu äußern (erlebt bei Stephan Krawczyk), daß in seinem Werk zwar viel wahr sein, aber auch einiges dazuerfunden worden ist, ganz einfach, um alles ein wenig spannender zu machen. Oder aber, um Personen zu schützen? Dieser Weg scheint mir ein wenig zu einfach, um wirklich erfolgsversprechend zu sein. Aber er wird auch gegangen.
Bei Deinem Einfall zur Errettung des Gewesenen bin ich nicht 100%ig sicher, ob ich es verstanden habe. Was mir jedenfalls konkret dazu einfällt ist, daß Gott und die Welt mittlerweile viele durchaus einfach zu bedienende Mittel haben, um das Gewesene irgendwie zu konservieren. Kameras, Camcorder, Blogs jeglicher Coleur… allerdings stelle ich mir am Ende die Frage, ob all dieses “abspeichern” Gewesenes wirklich retten kann. Eine CD, DVD, Speicherkarte o.ä., die im Schrank vergessen vor sich hin zustaubt scheint mir jedenfalls wenig mit einem Rettungsring gemeinsam zu haben…